Achtsames Schreiben

23.7.13 052Achtsames Schreiben: der Begriff entstand gestern in der Schreibwerkstatt. Eine Rehabilitandin, die auch meditiert, sagte spontan,  nachdem sie meine Anleitung gehört hatte:  „Das ist ja wie in der Achtsamkeitsmeditation, also nur wahrnehmen und annehmen und gehen lassen, wie beim Atmen.“
Genau. 

Ich gebe immer ungefähr folgende Anleitung:
„Schreiben Sie alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Rechtschreibung und Stil sind nicht wichtig, Sie können ganze Sätze machen, halbe oder gar keine. Stellen Sie sich vor, Sie wären Ihre eigene Aufzeichnungsmaschine, wie so ein altertümliches Tonband, das einfach läuft, nachdem man es angestellt hat, egal, was kommt, und das auch in den Gesprächspausen weiterläuft. Das Tonband stellt sich nicht ab, stemmt die Arme in die Seiten und sagt: ‚Also das nehme ich nicht auf, das ist mir zu banal, kompliziert, doof, eigensinnig, unsinnig und so weiter.‘  Weder  der Kritiker, der auf Ihrer einen Schulter sitzt, und den Sie vielleicht aus Schulzeiten kennen, noch Hedwig auf der anderen Schulter, die immer sagt: ‚So darfst du gar nicht denken!‘, haben hier etwas zu bestimmen. Es geht einfach ums Tun. Schreiben Sie alles auf, was da ist, und wenn nichts da ist, dann kringeln Sie. Kringeln wie die Kinder, wenn sie so tun als ob sie schreiben. Verlassen Sie den Akt des Schreibens nicht, bleiben Sie dabei, ob da Wörter sind oder Kringel. Der Text wird nicht vorgelesen, er gehört nur Ihnen. Achtsames Schreiben können Sie  jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen praktizieren:  drei Din A4-Seiten handschriftlich in Ihr Buch, danach Buch zuklappen und weiter leben.“

Beim Achtsamen Schreiben praktizieren wir die Haltung: betrachten, nicht bewerten, die Gedanken kommen lassen, anschauen und wieder gehen lassen. Wir üben, alles anzunehmen, was da auftaucht, und es nicht zu beurteilen.
Wir können uns entspannen, denn wir stellen kein Produkt her, das andere betrachten und beurteilen werden. Wir folgen auch keinen literarischen Vorbildern und wir gestalten keinen geschlossenen Text, denn es gibt keine Vorgaben literarischer oder Vorschriften grammatikalischer Art, denen wir folgen müssten.
Wir klappen nach dem Schreiben das Buch einfach zu und leben weiter.  Das ist wichtig, denn sonst lesen wir uns selber hinterher, editieren, machen Sinn, korrigieren, streichen, verbessern  und was nicht alles.
Hier liegt vielleicht auch der Grund, warum manchmal das Krankheitstagebuch, das viele Patientinnen anfangen, nicht funktioniert: sie versuchen, wie im Tagebuch eben, Sinn zu machen, sich ihr Leben mit seiner komplexen und schmerzlichen Veränderung durch die Diagnose zu erklären. Durch das Tagebuch soll wieder Ordnung und Handhabbarkeit, Kontrolle und Ruhe ins Leben gebracht werden. Und die Schreiberinnen, die manchmal auch dahingehend beraten wurden, ihre Situation durch das Tagebuch-Schreiben zu bearbeiten,  stellen oft schon nach wenigen Tagen fest: es geht nicht. Und sie erleben einen weiteren Verlust von Selbstwirksamkeit, eine weitere Frustration.
Eine zeigte ihr damaliges Krankheitstagebuch, das sie in die Schreibwerkstatt mitgebracht hatte: Sinn?  steht da ganz groß auf der zweiten oder dritten Seite, und dann bricht die Bemühung bald ab. Sie hatte die Hoffnung, in der Reha-Schreibwerkstatt wieder an diese Bemühung um Sinn, Ordnung und Struktur anknüpfen zu können.
Nun kann sie anders weitermachen: einfach schreibend annehmen, was da ist. Und sich keine Sorgen darüber machen, was denn jetzt diese uneditierte, unfrisierte, nicht geschlossene Text-Gestalt der Morgenseiten macht, wenn sie das Buch zuklappt. Es geht weiter, nur eben anders.
Achtsames Schreiben hat viele Mütter und Väter,  Andre Breton mit seiner écriture automatique gehört dazu, Julia Cameron mit den Morgenseiten, Natalie Goldberg mit ihrer buddhistischen Herangehensweise an das Schreiben. Das alles ist zusammengeflossen, durch meine Erfahrung hindurchgegangen und dann durch die Workshops mit den Schreibenden.

Zwei inspirierende Bücher zum Thema Schreiben und Achtsamkeit,  die ich gerne empfehle:

Natalie Goldberg: The Great Failure: A Bartender, a Monk, and My Unlikely Path to Truth. Harper San Francisco 2004

Julia Cameron: Von der Kunst des Schreibens … und der spielerischen Freude, die Worte fließen zu lassen. Knaur Verlag, München 2003