Schneewittchen. Ein MärchenGespräch über Zeit, Alter, Tod und Humor.

DSC00006Letzten Montag hatten wir ein ganz erstaunliches und sehr inspirierendes MärchenGespräch in der KraftquellenArbeit: die einzige Teilnehmerin (plötzlicher Ausbruch von InselZauberWetter…) hatte sich Schneewittchen gewünscht und ich las vor.  Man denkt ja, man kennt das Märchen, was gibt es da Neues… .
Uns hat besonders die Stiefmutter von Schneewittchen interessiert, diese Frau, die sich nur von außen sehen kann, deren Herz mit dem Spiegel eins ist, in dem sie sich anschaut, und der ihr versichern muss, dass sie die Schönste ist. Diese Mutter, die so viel Angst vor dem Alter und damit vor dem Verlust ihrer Schönheit hat, dass sie das Heranwachsen der Tochter, und ihr Schöner-Werden, nicht erträgt. Die Rehabilitandin sagte: „Ihr Einflussgebiet wandelt sich, und das erträgt sie nicht. Sie könnte jetzt bald als Großmutter leben und da ihren Raum finden, aber das kann sie eben nicht. Sie will nicht, dass die Zeit weiterläuft.“ Und das ist es genau: Schneewittchen ist ein Märchen über Zeit, Alter und Tod. Also über Wandlung, Entropie.

Veränderung ist das Gute an der Wirklichkeit.“, sagt Pema Chödrön, aber diese Botschaft hat Schneewittchens Stiefmutter noch nicht gehört. Der Spiegel könnte das Vergehen der Zeit sichtbar machen, das Altern, das eine Anforderung zum Lernen ist.  Sie aber will Stasis, alles bleibt gleich, alles bleibt wie es ist. Und wenn alles bleibt, wie es ist,  wenn die Zeit angehalten werden soll, dann ist das im menschlichen Leben dem Tod nahe. Und mit dem Tod bedroht diese Frau, die nicht altern und nicht lernen will, ihre Tochter, denn ihr Neid und ihre Angst sind grenzenlos. Wir haben fast das Gefühl, sie ist der Tod, denn am Schluss, auf Schneewittchens Hochzeit, zerspringen der Spiegel und ihr Herz gleichzeitig. Also wer ohne Herz, aber mit Spiegel lebt, hat es  schwer, wenn die Zeit vergeht. Denn zum Vergehen der Zeit gibt’s bei aller Selbstoptimierung keine Alternative.
Es geht, wie oft im Märchen, um die Navigation von Lebens-Schwellen, um den Umgang mit lebensgeschichtlichen Veränderungen. Das Märchen Schneewittchen erzählt von einer misslungenen Heldinnenreise, die mit dem Tod endet, weil der Tod, die Abwesenheit von Veränderung / Leben, gewünscht wurde.
Die Tochter dieser Mutter-Figur, Schneewittchen eben, muss ohne den Segen und die Begleitung der Mutter erwachsen werden, und das gelingt nur mit sehr viel Glück und Zufall: der Förster, der den Auftrag der Mutter, sie zu töten, nicht erfüllt, die Zwerge, bei denen sie Aufenthalt, aber nicht lebendige Weiterentwicklung findet, der Königssohn, der zufällig das Zwergenhaus im Wald  und den gläsernen Sarg auf dem Berg findet. Und schließlich das Stolpern der Sargträger, das den vergifteten Apfel im Hals löst und dadurch das Leben wieder einkehren lässt.   Wie zufällig und ohne eigene  Aktion dieses Mädchen erwachsen wird, wie fragil, wie unwahrscheinlich der Erfolg dieser Heldinnenreise ist!
Davon handelt das Märchen: von der Lebens-Reise der Mutter und der Heldinnenreise der Tochter, und es macht darauf aufmerksam, was der erfolgreichen Bewältigung von Lebensaufgaben entgegenstehen kann und wo diese Aufgaben liegen.
Die Rehabilitandin (73) empfiehlt beim Älterwerden wie beim Blick in den Spiegel:  Herz und Humor, dann klappts auch mit der Tochter!

 

2 Gedanken zu „Schneewittchen. Ein MärchenGespräch über Zeit, Alter, Tod und Humor.

  1. Liebe Frau Dr. Fuchs,
    seit unserem Dornröschen-Gespräch im April bin ich wieder zur Märchenleserin geworden und freue mich auch an Schneewittchen auf diesem Wege teilhaben zu dürfen – herzlichen Dank sagt eine Heldin auf ihrer Lebensreise !
    Ihre Heike Engelhardt

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