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Was es bringt.

6 8 14 118Kürzlich fragte ein Rehabilitand nochmal ganz ernsthaft nach, was es bringe, Morgenseiten zu schreiben. Es leuchte ihm viel eher ein,  Abendseiten zu schreiben, den Tag zu resümieren, zu erklären,  etc. .

Ja.

Wenn wir Morgenseiten schreiben, öffnen wir den Raum, in dem wir auf uns selbst blicken können.
Das Selbst verdoppelt sich in der Geste der Schrift.
, sagt Villem Flusser. Im Schreiben haben wir die Möglichkeit, aus einer weiteren, kreativeren, poetischeren Perspektive auf uns selbst zu blicken. Indem wir uns dem Prozess des Schreibens überlassen, wird es möglich, dass ES sich schreibt. Erstaunliche Verbindungen, Erkenntnisse, Sichtweisen, Neues eben, werden möglich. Schreiben ist ein Werkzeug, um Erkenntnisse zu gewinnen, und eine der besten Techniken, die ich kenne, um dahin zu kommen, das Schreiben epistemisch werden zu lassen, Erkenntnis-bringend, ist das automatische Schreiben nach André Breton.
Weil wir uns dem Prozess überlassen, statt uns darauf zu konzentrieren, ein Produkt zu produzieren. Weil wir uns bewusst und absichtlich in eine Situation begeben, in der wir ein kleines bisschen Kontrolle über das, was passieren wird, abgeben und so uns selber dazu einladen, Neues zuzulassen. Wir sind befreit davon, Sinn machen zu müssen, und können die Sprache im Schreiben einfach fließen lassen, so dass sie sich zu neuen Mustern zusammensetzen kann.  Wir selbst, unser Selbst, ist immer größer als unser Problem, auch wenn unser Problem sich stilsicher in einem anthrazitfarbenen Pullover mit  schwarzem Einstecktuch zeigt. 

Und: alle Erklärung, alle Beschreibung ist wie das  Reden von der Farbe.
Es hilft alles nichts, der Mut zum Sich-Einlassen ist unersetzlich, die Einladung allerdings auch unwiderstehlich:
Die Erfahrung, die wir mit uns selber machen können, kann uns niemand vorher beschreiben.
Darin liegt eine unhintergehbare Freiheit, fand ich immer. Alles eine Frage der Perspektive.
Husum und Garten 9 2014 140

Achtsames Schreiben

23.7.13 052Achtsames Schreiben: der Begriff entstand gestern in der Schreibwerkstatt. Eine Rehabilitandin, die auch meditiert, sagte spontan,  nachdem sie meine Anleitung gehört hatte:  „Das ist ja wie in der Achtsamkeitsmeditation, also nur wahrnehmen und annehmen und gehen lassen, wie beim Atmen.“
Genau. 

Ich gebe immer ungefähr folgende Anleitung:
„Schreiben Sie alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Rechtschreibung und Stil sind nicht wichtig, Sie können ganze Sätze machen, halbe oder gar keine. Stellen Sie sich vor, Sie wären Ihre eigene Aufzeichnungsmaschine,  Continue reading