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Wo bist du zwischen zwei Gedanken?

Wenn wir in der KraftquellenArbeit  ‚fließendes Schreiben‘ machen, also das, was Andre Breton ecriture automatique nannte, gebe ich immer die Anweisung: kringeln, wenn durch den Kopf nichts durchgeht. In der Nachbesprechung sagen manche dann ganz stolz: „Ich musste gar nicht kringeln!“  So, als wäre es gut, wenn da immer Gedanken sind, wenn das Karussell niemals anhält. Kringeln ist peinlich, Kringeln ist Kinderkram, Kringeln ist der Ausweis der Unfähigkeit, einen Gedanken zu fassen zu kriegen. Immer muss was da sein, immer muss was produziert werden.
Das Kringeln beim automatischen Schreiben markiert den leeren Raum, den Moment zwischen  zwei Gedanken,  wenn eine Gestalt, ein Gedanke,  abgeschlossen ist und die nächste noch nicht erschienen ist. Ein Moment der Zeitlosigkeit und der Ziellosigkeit, zwischen eben noch und noch nicht. Mir scheint, manche Menschen verbringen ein Leben in Meditation, um just diesen Moment zwischen zwei Gedanken auszudehnen.
Wenn wir alles aufschreiben, was uns durch den Kopf geht, und wir also nicht darauf konzentriert sind, ein Produkt herzustellen, sondern nur darauf, dem Schreibprozess zu folgen, dann zeichnen wir auch auf, dass wir manchmal ohne Zeit und ohne Ziel, wie Joseph Campbell sagt, einfach da sind. Der Moment zwischen zwei Gedanken ist das Tor zum still point, zu dem inneren Raum, in dem wir nicht beschäftigt sind mit den Erscheinungen um uns herum im täglichen Leben, sondern die Verbindung zu uns selbst spüren können. Die wundervolle Frage: „Wo bist du zwischen zwei Gedanken?“ wurde Joseph Campbell in Indien von einem Guru gestellt, wie er in seinen Reflections on the Art of Living berichtet:  Der Raum zwischen zwei Gedanken, die Stille in uns, ist der Ort, wo wir uns mit uns selbst befreunden können.
Die Qualität dieses Raums der Stille kommt auch in einem alten japanischen Haiku zum Ausdruck:

Einem fallenden
Blütenblatt sehe ich nach –
Welch eine Stille!
Takahama Kyoshi

Wer  weiterlesen möchte:

Inahata Teiko: Welch eine Stille! Die Haiku-Lehre des Takahama Kyoshi.
Hamburger Haiku Verlag 2006                    

Reflections on the Art of Living. A Joseph Campbell Companion.
Selected and Edited By Diane K. Osbon. Harper Collins, New York 1991