Verletzlich und robust zugleich

DSC00339Vom Aufenthalt an der Nordsee wird ärztlicherseits immer gesagt, er sei „roborierend“, also robust-machend. In den derzeitigen Gesprächen und Texten über Resilienz und Verletzlichkeit kommt ein relativ altertümliches Wort eher selten vor: robust.
Robust ? –  
Wir schauen mal bei wikipedia rein.

Der Begriff Robustheit (lat. robustus, von robur: Hart-, Eichenholz) bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, Veränderungen ohne Anpassung seiner anfänglich stabilen Struktur standzuhalten.

Veränderungen standhalten, ohne Anpassung der Struktur. Genau: bleibt gleich, auch unter Veränderungsdruck. Robust eben. Holz, aus hartem Holz geschnitzt.  Biegt sich kaum, kann aber brechen, wenn der Veränderungsdruck groß genug ist.
Dagegen verletzlich: verändert sich unter Anpassungsdruck, bleibt nicht gleich, ist biegsam, weich, durch die Verhältnisse veränderbar, das kann gehen bis hin zur Zerstörung.
Im Unterschied zu Robustheit ist Verletzlichkeit schambesetzt. Wir wollen nicht als Verletzte, als Verletzliche gesehen werden und uns auch selbst eher nicht so sehen. Unsere Verletzlichkeit fordert uns heraus.
Die Frage ist: wie können die Veränderungen, die unausweichlich im Leben passieren, navigiert werden, zwischen Robustheit und Verletzlichkeit?

Und zwar möglichst, ohne dass wir uns gnadenlos auf die Seite der Robustheit schlagen und alles Verletzliche ignorieren oder bekämpfen, und ohne dass wir in die Sümpfe der Scham geraten, des Verbergens und Versteckens unserer Verletzlichkeit, aus denen heraus es sich so schlecht gut und sinnvoll handeln lässt?

Die Antwort lautet natürlich:
Resilienz, also die Fähigkeit, bei Stress und Veränderungsdruck wieder zurück zu finden in eine Form, die zwar auf Veränderungen reagieren kann, aber auch stabil ist.
Wie geht das?
In einem Vortrag, der auf DVD zu besichtigen ist, hat Verena Kast ein wundervolles Bild gefunden für Resilienz: es ist die Fähigkeit, verletzlich und robust zugleich zu sein, also sich selber zu halten (robust) in der Anforderung durch die Veränderung (Verletzlichkeit).  Kast  verwendet die Pietá von Michelangelo als Bild: da ist ein Sterbender zu sehen, äußerste menschliche Form der Verletzlichkeit, der gehalten wird von einer alterslosen, übermenschlich großen Madonna.  Es gibt  auch die Madonna mit dem Kind, einem Menschen am Anfang des Lebens, voller Versprechungen und Neugier, ebenfalls sehr verletzlich und der schützenden Haltung bedürftig.
Beides ist gleichzeitig anwesend: die Schutzbedürftigkeit und der Schutz,  die Verletzlichkeit und das Gehalten-Werden.
Also nicht:
Robust statt verletzlich,
sondern:
beides, in veränderlichen Anteilen, immer wieder hin- und her schwingen auf der ganzen menschlichen Bandbreite im eigenen Leben.

DSC00343Das ist Resilienz.
Resilienz ist nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun.
Resilienz ist ein Tanz!
Kast, Verena: Der Mensch: verletzlich und robust. Vortrag.  Internationale Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V.,  Lindau 2014.  DVD, Auditorium Netzwerk.
Zu bestellen unter: www.auditorium-netzwerk.de  Bestell-Nr. IGT14-V2D