…von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Lob der Indolenz.

23.7.13 005„Was hat der, was ich nicht habe?“, fragte, ein wenig neidisch vielleicht, eine Teilnehmerin, als wir Grimms Märchen von einem, der auszog, das fürchten zu lernen, besprachen.
Gute Frage.
Wir machten ein Helden-Casting.
Welche Eigenschaften muss der haben, mit dem wir diese Heldenrolle besetzen? „Asperger“, sagte eine, und sie erntete Unverständnis und Gelächter.  Das Asperger-Syndrom, derzeit prominent verkörpert in der Rolle des Sheldon Cooper in  der Sitcom The Big Bang Theory, zeichnet sich durch ein Unverständnis sozialer Komplexitäten aus.
„Der weiß gar nicht, dass man vor bestimmten Dingen konventionellerweise Angst haben muss, und deshalb funktioniert das auch immer nicht. Der ist nicht verletzbar, nicht beleidigbar, der fürchtet sich nicht, weil ihm dafür schlicht die Phantasie fehlt.“
Der deutet einfach anders. Deshalb fürchtet er sich nicht vor dem Gespenst, sondern spricht es auf Augenhöhe an, und als es nicht antwortet, verwarnt er es drei mal, und dann stößt er es die Treppe hinunter. Die Gehenkten, die im kalten Nachtwind baumeln, will er wärmen, seinen toten Vetter auch, all den starken Männern im Spukschloss zeigt er, dass er schlauer und gewiefter ist und sich nicht die Butter vom Brot nehmen, sich auch nicht ins Bockshorn jagen lässt.
„Ja, aber der lernt nix dabei.“
-Stimmt auch, er lernt nicht, sich zu fürchten. Alles, was er erlebt, regelt er auf einer ganz anderen Ebene, einer handfesten, pragmatischen, alltagstauglichen, phantasielosen HierundJetzt-Ebene.
„Der ist einfach keine Drama-Queen!“. Das ist es. Der dramatisiert nichts, erzählt sich selber keine Zukunftsgeschichten, hat und macht keinen Plan B, kein worst-case-Szenario, kein Was, wenn… .
„Wenn ich denke, vor meiner zweiten OP, was hab ich mir alles ausgemalt, was hab ich alles geregelt, und dann: War es so einfach, so erfolgreich, der beste mögliche Fall ist eingetreten, jetzt ist es mir fast peinlich, was ich da alles veranstaltet habe!“
Wir erzählen Geschichten. Uns und anderen. Und oft sind es nicht die guten Zukunftsgeschichten, das best-case-Szenario, sondern die schlechten, die schlimmen Ausgänge phantasieren wir. Wir erzählen uns Geschichten, als könnten wir damit die Zukunft bannen, der Gefahr begegnen, als würden diese Geschichten uns rüsten oder sogar beschützen: wenn ich es mir schon mal vorstelle und ausmale, wird es vielleicht nicht so schlimm… .
Wir entwerfen uns in eine angsterregende Zukunft. Das strengt uns an, das macht uns empfindlicher, das hilft uns nicht viel weiter. Und beruhigend ist es auch nicht.
Was hat der, was ich nicht habe?
„Indolenz!“
Indolenz? – Schmerzunempfindlichkeit, eine gewisse Trägheit, eine Un-Beeindruckbarkeit, norddeutsch würde man sagen: der ist dröge.
Wie so oft im Märchen, wenn eine Männergesellschaft nicht weiterkommt, richten es, mehr so nebenbei, die Frauen. Er kriegt, da hat er schon das Gold und die Königstochter,  aber hat eben das Gruseln noch nicht gelernt, Gründlinge ins Bett.  Da gruselts ihn.
Oder vielleicht, das ist ja ein Märchen cum grano salis, vielleicht kitzeln ihn die kleinen Bartfischchen auch nur.
Wir können nicht gleichzeitig lachen und uns gruseln. 

Ein Gedanke zu „…von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Lob der Indolenz.

  1. Wundervoll auf den Punkt gebracht. Kraftquelle war mein Thema, nachdem ich zwei mal operiert wurde und ziemlich desorientiert war. Hätte mir nie vorstellen können, dass gerade Märchen meinen Schmerz heilen könnten. Bin begeistert.

Kommentare sind geschlossen.